Dieser Beitrag gehört zur Artikelserie Richtlinien für barrierefreie Webinhalte WCAG 2.0. Er soll die Erfolgskriterien, Bedeutung und Umsetzung der Richtlinie 3.1 Lesbar darstellen sowie Website Beispiele aufzeigen.

“Machen Sie Inhalt lesbar und verständlich.”

Erfolgskriterien der Richtlinie 3.1

  • 3.1.1 Sprache der Seite: Die voreingestellte menschliche Sprache jeder Webseite kann durch Software bestimmt werden. (Stufe A)
  • 3.1.2 Sprache von Teilen: Die menschliche Sprache jedes Abschnitts oder jedes Satzes im Inhalt kann durch Software bestimmt werden außer bei Eigennamen, technischen Fachbegriffen, Wörtern einer unklaren Sprache und Wörtern oder Wendungen, die Teil des Jargons des direkt umliegenden Textes geworden sind. (Stufe AA)
  • 3.1.3 Ungewöhnliche Wörter: Es gibt einen Mechanismus, um spezielle Definitionen von Wörtern oder Wendungen zu erkennen, die auf ungewöhnliche oder eingeschränkte Weise benutzt werden, Idiome und Jargon eingeschlossen. (Stufe AAA)
  • 3.1.4 Abkürzungen: Es gibt einen Mechanismus, um die ausgeschriebene Form oder Bedeutung von Abkürzungen zu erkennen. (Stufe AAA)
  • 3.1.5 Leseniveau: Wenn der Text nach der Entfernung von Eigennamen und Titeln Lesefähigkeiten voraussetzt, die über das Niveau der niedrigen, sekundären Schulbildung hinausgehen, dann gibt es ergänzenden Inhalt oder eine Version, die keine über die niedrige, sekundäre Schulbildung hinausgehenden Lesefähigkeiten verlangt. (Stufe AAA)
  • 3.1.6 Aussprache: Es gibt einen Mechanismus, um die bestimmte Aussprache von Wörtern zu erkennen, wenn die Bedeutung der Wörter – im Zusammenhang – mehrdeutig ist, wenn man die Aussprache nicht kennt. (Stufe AAA)

Bedeutung der Richtlinie

Ziel der Richtlinie 3.1 Lesbar ist es, dass Textinhalte von Benutzern und assistierenden Techniken (z. B. Screenreader) gelesen werden können und sichergestellt wird, dass für das Verständnis des Inhaltes notwendige Informationen zur Verfügung stehen.

Viele Menschen, die beispielsweise sprachbehindert oder gehörgeschädigt sind, haben Probleme, Texte zu verstehen. Werden Texte laut vorgelesen oder Informationen visuell dargestellt oder in Gebärdensprache übersetzt, können sie leichter verstanden werden. Auch Begriffe oder Akronyme können zu Verständnisproblemen führen, wenn z. B. Wörter im Kontext eine spezielle Bedeutung haben.

Weitere Probleme beim Verstehen von Inhalten können auftreten, wenn assistierende Techniken Text nicht korrekt darstellen können, weil die Sprache und Textrichtung nicht oder nicht korrekt angegeben wird. Screenreader können sich an Aussprache und Syntax der Sprache einer HTML-Seite anpassen. Dadurch sind sie in der Lage, den Text mit passendem Akzent und korrekter Aussprache vorzulesen. Ein weiterer Vorteil, der durch die Angabe der Sprache einer Seite entsteht, ist die zur Verfügungstellung von Defintionen durch Benutzeragenten wie z. B. Screenreader. Auch zur automatischen Übersetzung von Inhalten in andere Sprachen hilft die Angabe durch Meta Tags oder im HTTP-Header.

Umsetzung der Richtlinie

3.1.1 Sprache der Seite (A), 3.1.2 Sprache von Teilen (AA)

Die beiden Erfolgskriterien 3.1.1 und 3.1.2 beschäftigen sich mit der korrekten Sprach-Auszeichnung des Inhalts einer Website. Zur Erfüllung des Erfolgskriteriums 3.1.1 (A) muss eine Kennzeichnung der Text-Standard-Sprache eines Dokuments erfolgen. Dies kann in HTML mithilfe des lang-Attributes, in XHTML auch mithilfe des Attributes xml:lang geschehen. Dieses wird jedoch nicht an Screenreader übergeben, soll jedoch ergänzend zum lang-Attribut genutzt werden.

Die Auszeichnung einzelner Bereiche im Text gemäß Erfolgskriterium 3.1.2 (AA), z. B. anderssprachige Zitate, in der korrekten Sprache, erfolgt ebenfalls mithilfe der genannten Attribute. Ein Code-Beispiel für das xml:lang-Attribut:

<blockquote xml:lang="en">
 <p>
A friend in need is a friend indeed. (English quote)
 </p>
</blockquote>

So kann beispielsweise in einem deutschen Text ein englischsprachiges Zitat gesondert ausgezeichnet werden.

Unter w3schools.com findet sich eine Auflistung aller ISO Language Codes.

3.1.3 Ungewöhnliche Wörter (AAA)

Menschen mit kognitiven, Sprach- und Lernbehinderungen können beispielsweise Schwierigkeiten haben, Wörter in einem bestimmten Zusammenhang zu verstehen oder ihre Bedeutung zu erkennen. Ein geeignetes Mittel, solche Probleme zu mindern, ist die Bereitstellung von Definitionen. Dabei können Definitionen auf derselben Seite mittels Textanker angesprungen werden oder Links bereitgestellt werden zu Seiten, auf denen die Definition zu finden ist.

Ein Glossar kann beispielsweise dazu genutzt werden, um Akronyme, Abkürzungen und Definitionen bereitzustellen. Werden Begriffe auf einer separaten Glossar-Seite definiert, sollte hierfür im head-Element des Dokumentes, das das Glossar nutzt, das link-Element verwendet werden. Dabei wird das rel-Attribut des link-Elements auf “glossary” gesetzt und das href-Attribut enthält die URL der Glossar-Seite. Durch diese Vorgehensweise wird Benutzeragenten geholfen, Benutzern den schnellen und einfachen Zugriff auf das Glossar zu ermöglichen.

3.1.4 Abkürzungen (AAA)

Bei der Verwendung von beispielsweise Abkürzungen oder Akronymen sollte darauf geachtet werden, dass die vollständige Form des entsprechenden Wortes zur Verfügung steht, bevor die abgekürzte Form verwendet wird. Dieses Vorgehen hilft dabei, einen Text leichter lesbar zu gestalten. Abkürzungen, die häufig auf einer Website verwendet werden, sollten eher in einem Glossar erläutert werden, anstatt zu Beginn jedes Dokuments.

Zur Kennzeichnung von Abkürzungen und Akronymen können die abbr- und acronym-Elemente genutzt werden. Durch diese Auszeichnung wird Text, der innerhalb eines abbr- oder acronym-Elements liegt, von vielen grafischen Benutzeragenten mit einer gestrichelten Linie gerendert. Zusätzlich erfolgt die Anzeige eines Tooltips mit der ausgeschriebenen Form bei Mouseover. Die Screenreader JAWS 6.2 und höher und WindowEyes 5.0 und höher unterstützen die abbr- und acronym-Elemente. Sie können alle so eingestellt werden, dass sie das title-Attribut sprechen, wenn diese Elemente angetroffen werden, aber dies ist nicht die Standardeinstellung und wird oft nicht von den Benutzern angeschaltet.

Beispiel-Code, um ein Akronym auszuschreiben:

 <p>Mithilfe von <acronym title="What You See Is What You Get">WYSIWYG</acronym> Editoren ...</p>

3.1.5 Leseniveau (AAA)

Die Einteilung von Schwierigkeitsgraden von Texten erfolgt durch das Bildungsniveau, das erforderlich für das Lesen des Textes ist. Das Bildungsniveau wird definiert gemäß der internationalen Standardklassifikation von Bildung (International Standard Classification of Education) [UNESCO]. Diese wurde erstellt, um einen internationalen Vergleich zwischen Bildungssystemen zu ermöglichen.

Je nach Zielgruppe kann auch komplexer Text angemessen sein – z. B. Fachartikel, allerdings sollte nicht vergessen werden, dass auch sehr gebildete Menschen der Zielgruppe durch beispielsweise Lesebehinderungen eingeschränkt sein können. Wenn es nicht möglich ist, Text lesbarer zu gestalten, sollte ergänzender Text zur Verfügung gestellt werden. Dieser wird dann benötigt, wenn ein Text über die niedrige, sekundäre Schulbildung (mehr als 9 Jahre) hinausgehende Lesefähigkeiten erfordert.

Eine weitere Hilfestellung ist die Bereitstellung von visuellen Informationen, Bildern und Symbolen, um Sachverhalte zu erklären. Ebenfalls von Nutzen für Besucher ist es, einen Text als gesprochene Version oder in Gebärdensprache anzubieten, um Inhalte leichter verständlich zu machen.

Um die Lesbarkeit von Websites zu testen, kann beispielsweise Juicy Studio Readability Tests genutzt werden.

3.1.6 Aussprache (AAA)

Menschen, die blind sind, schlecht sehen oder Lesebehinderungen haben, können Probleme beim Verstehen von Inhalten haben, bei denen die Bedeutung von der Aussprache abhängt. Worte und Buchstaben haben oft unterschiedliche Bedeutungen, sie kann normalerweise aus dem Kontext des Satzes bestimmt werden. Dies ist bei komplexen oder mehrdeutigen Sätzen in bestimmten Sprachen allerdings nicht oder nicht leicht möglich, wenn die Aussprache nicht bekannt ist. Im Japanischen gibt es beispielsweise die Han-Zeichen (Kanji), die verschiedene Aussprachen besitzen. Wenn keine Informationen zur Aussprache vorhanden sind, lesen Screenreader die Zeichen möglicherweise falsch vor und der Inhalt ergibt für den Besucher keinen Sinn.

Verschiedene Techniken tragen dazu bei, dass die Aussprache von Wörtern im Kontext einfacher wird. So kann eine Webseite einen Glossar-Abschnitt enthalten, in dem Elemente sowohl Informationen zur Aussprache als auch Definitionen enthalten. Die Verlinkung von Informationen zur Aussprache ist ebenfalls möglich. Bei dieser Technik kann beispielsweise auf eine Audio-Datei verlinkt werden, die das Wort wiedergibt.

Eine weitere Technik ist die Nutzung von “Ruby Annotation” zur Bereitstellung von Informationen zur Aussprache und Bedeutung eines Textstücks, wenn die Bedeutung durch die Aussprache bestimmt wird. “Ruby Annotation” ermöglicht dem Autor das Kommentieren eines „base text“ (Basis-Text). So kann ein Leitfaden zur Aussprache und, in manchen Fällen, eine Definition zur Verfügung gestellt werden. Ruby Annotation ist als Modul für XHTML 1.1 definiert und wird häufig in Japanisch und anderen ostasiatischen Sprachen benutzt. Ruby-Annotation Code-Beispiel zur Aussprache von “WCAG”:

<p>When we talk about these guidelines, we often just call them
 <ruby>
 <rb>WCAG</rb>
 <rp>(</rp>
 <rt>Wuh-KAG</rt>
 <rp>)</rp>
 </ruby>.
</p>

Beispiele zur Richtlinie

Die Auszeichnung der Standard-Sprache einer Seite kann bei den verschiedenen Länder-Seiten von apple.com beobachtet werden. So besitzen beispielsweise die deutschen Seiten der Apple-Seiten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz folgende Länder-Kennzeichnungen:

  • html lang="de-DE" xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de-DE" (http://www.apple.com/de/)
  • html lang="de-AT" xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de-AT" (http://www.apple.com/at/)
  • html lang="de-CH" xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de-CH" (http://www.apple.com/chde/)

Dieses Vorgehen hat nicht nur Vorteile bezüglich Accessibility, sondern auch für die richtige Zuordnung in die verschiedenen Google Indizes.

Ein schönes Beispiel für die Auszeichnung von Akronymen und Bereitstellung eines Glossars ist die Seite www.darmkrebs.at, die im Jahr 2008 mit der goldenen BIENE (www.biene-award.de) für ihre Accessibility geehrt wurde. Begriffe, die im Glossar definiert werden, sind mittels dfn im Quelltext gekennzeichnet. Akronyme sind ausgezeichnet durch acronym.

Auszeichnung von Definitionen <dfn> und Akronymen <acronym> bei darmkrebs.at

Akronyme werden bei ihrem ersten Vorkommen ausgeschrieben, wie am folgenden Beispiel einer Unterseite von darmkrebs.at deutlich wird:

Ausschreiben von Akronymen beim ersten Vorkommen auf darmkrebs.at

Bei der ersten Verwendung des Akronyms “ÖGGH” wird dieses ausgeschrieben verwendet und erst bei der weiteren Verwendung im Text der Seite abgekürzt.

Die Inhalte und Erfolgskriterien der Richtlinie 3.1 Lesbar sind in der deutschen Übersetzung nachzulesen unter www.w3.org. Weitere übersetzte Informationen zur WCAG 2.0 Richtlinie finden sich auf der Website einfach-fuer-alle.de.

Der nächste Artikel beschäftigt sich mit der WCAG 2.0 Richtlinie 3.2 Vorhersehbar.