Knapp 2 Wochen ist es her, dass Google über seine Webmaster-Zentrale Warn-Nachrichten an tausende deutsche Domains schickte. Der Inhalt war einigen Experten schon bekannt – bereits vor einigen Monaten fanden sich diese Zeilen im Nachrichteneingang einiger Domains.

Christoph Burseg

Die Folge damals: Binnen einiger Wochen verloren die Websites einen großen Teil ihrer Rankings und damit auch einen großen Teil vom SEO-Traffic.
Getroffen hatte es damals eher Domains mit großem Fokus auf Offpage-Maßnahmen: Linkaufbau, Linkkauf, Linkmiete.

In der aktuellen Episode jedoch wurden viele Webmaster von Domains alarmiert, welche deutlich linientreuer gegenüber den Google Webmaster-Guidelines agieren oder teilweise sogar nur in extrem homöopathischer Menge der Offpage-Optimierung gefrönt haben.
Inzwischen hat Google weitere Updates zu der Aktion veröffentlicht – im Grunde wolle man nur warnen, hat die Meldung erneut angepasst und will darauf hinweisen, dass teilweise unnatürliche Links gefunden wurden, die zur Domain zeigen. Klarheit sieht anders aus – Webmaster haben allen Grund, verunsichert zu sein. Ich wage hier 9 mögliche Prognosen zur Entwicklung des aktuellen Themas:

1. Google verteilt gerade Gelbe Karten:

Im ersten Anlauf hatte Google sofort Rote Karten vergeben. Wer die Meldung in seiner Zentrale hatte, wurde nach kurzer Zeit hart bestraft. Wohlgemerkt: wahrscheinlich nicht zu Unrecht. Dennoch: Dieses Mal könnte Google erst einmal Warnmeldungen verteilen. In einigen Wochen oder Monaten – falls keine Besserung erkennbar – kommt dann die nächste Meldung. Und bei der 3., 4. oder 5. Warnung schlägt dann der Ranking-Filter zu. Ich halte dies für ziemlich plausibel. Google hätte ein Qualitätsproblem, alle Domains von den vorderen Plätzen zu verweisen, wenn diese in der Vergangenheit Linkaufbau betrieben haben. Google hat aber auch ein Qualitätsproblem, wenn diese Domains unbehelligt nach alten Methoden weiteroptimieren können.

2. Linknetzwerke im deutschen Markt werden in den nächsten 12 Monaten überwiegend sinnlos:

Man hört es hinter vorgehaltener Hand schon seit einiger Zeit: Links aus den künstlich hochgezogenen Linknetzwerken der letzten Jahre haben ihre Wirkung verloren. Betroffen sind große und kleine Netzwerke. Auch die elaboriertesten Muster-Vermeidungs-Strategien sind für Google ziemlich zuverlässig zu enttarnen. „Organisch“ skaliert eben kaum. Das Ergebnis: Ein wachsender Prozentsatz von Links, welche über diese Netzwerke aufgebaut wurden, sind ergebnislos. Ein weiterer Teil sogar gefährlich. Und der kleine Teil, der vllt. noch einige Zeit einen positiven Ranking-Boost bringt, wiegt die beiden anderen Teile nicht mehr auf.

3. Hand aufs Herz: 

Das ist keine Überraschung. Je nach Markt, Keyword und Wettbewerb wird die Halbwertzeit variieren – wir müssen 2012 jedoch in Deutschland feststellen, dass Google 2012 nach den Qualitäts-Updates der letzten beiden Jahre mehr künstliche Links pro Tag entwertet als jemals zuvor. Der Ton wird rauer werden. Linkaufbau ist ein ein Geschäft mit Millionenumsätzen. Allein in Deutschland. Wenn hier von Google mehr Druck aufgebaut wird, werden wir sicher in den nächsten Monaten noch viele Brandbriefe lesen, Monopol-Vorwürfe hören und verrückte Werbeversprechen über uns ergehen lassen.

4. Unkenntnis wird teurer:

Nur eine drei bis maximal vierstellige Zahl deutscher Online-Marketeers kennt sich mit dem Thema Link-Qualität und aktuelle Google-Strategien aus. Und selbst hier gibt es große Know-How-Unterschiede. Doch es gibt abertausende von Webauftritten kleiner und mittelständischer Unternehmen ohne SEO-Wissen in den eigenen Reihen. Strukturierte Vertriebler werden diesen Unternehmen in den nächsten Monaten weiter sinnlose Links verkaufen und der Anteil wirkungsloser Verweise wird steigen. Schlimmer noch: Trotz Werbeversprechen wie „Qualitative Links aus relevantem Content“ werden die Gefahren einer Ranking-Abwertung unkalkulierbar wachsen.

5. Viele unnatürliche Links sind bereits wertlos:

Wir beobachten in unterschiedlichen Märkten einen Rückbau der gekauften Links und ein paralleles Wachstum der Rankings. Die Angst, Links zu verlieren ist groß. Es wird jedoch nicht selten zutreffen, dass ein Rückbau gekaufter Links nicht nur den Geldbeutel, sondern die Nerven schonen kann.

6. Früher an später denken:

Wer diesen Beitrag liest, hat vielleicht eigene „Aktien“ an dem Thema Linkaufbau. Egal ob bereits von Google gewarnt oder noch einmal davongekommen – jetzt wird man sich sein Inventar ansehen, um genau informiert zu sein. Es kann passieren, dass man in kürzester Zeit reagieren muss und dafür muss eine genaue Übersicht vorliegen: Was wurde wann gekauft, wo liegen die Links, wie schätze ich (mit Hilfe von Tools) die Qualität dieser Links ein, können diese Links evtl. deaktiviert werden.

7. Deutsche Linkdienstleister werden internationaler:

Es gibt noch genügend Märkte, in denen erstens Geld steckt und zweitens das Link-Thema noch nicht so stark überwacht wird wie hier in Deutschland.

8. Die Qualität von Websites wird sich verbessern:

Google hatte es in den letzten Jahren schon relativ gut hinbekommen dass keine Seite dauerhaft zu Keywords in den Top-3 stand, wenn sie nicht eine gewisse Relevanz zum Thema hat. Dennoch: Gerade in sehr umkämpften Branchen ging (und geht) nichts ohne ständig neue Keyword-Links. Seit 10 Jahren heißt es „Links sind tot“ und sie sind es nicht und werden es nicht so schnell werden. Aber Links werden in größerem Maße „verdient“ werden müssen. Dafür wird der Fokus wieder stärker auf die eigene Seite gelenkt werden: Struktur, Technik, Formate, Inhalte – wenn es Offpage komplizierter wird, wird Onpage wieder kreativer bearbeitet werden. Es werden Alternativen gesucht.

9. Enttäuschungen bei Reinclusion-Requests:

In den nächsten Wochen werden sich viele Websites zu einem Reinclusion-Request entscheiden. Einige zu Recht, viele zu Unrecht. Google wird in den nächsten Monaten ein starkes Wachstum an Requests bearbeiten müssen. Die Wartezeit könnte steigen und falls nach dem First-In-First-Out-Prinzip bearbeitet wird kann dies zu einiger (gefühlter) Ungerechtigkeit führen. After all: Die Ressourcen beim Qualitäts-Team sind begrenzt. Und nicht selten wird man feststellen dass dadurch gleiche Optimierungs-Methoden unterschiedlich von Google behandelt werden.

SEO hat viel mit Erfahrung zu tun. Gleiche Maßnahmen wirken von Website zu Website unterschiedlich. Ein Google Ranking lässt sich nicht herbei diskutieren. Und für jedes Beispiel gibt es ein Gegenbeispiel. Ich denke dennoch, dass ein paar der Prognosen nicht komplett falsch sind und bin gespannt auf die nächsten Monate und lasse mich auch gern von gegenteiliger Entwicklung überzeugen. Was meint Ihr? Welche Prognose fehlt? Welche gefällt euch (überhaupt nicht)?