Große Veränderungen waren es, die auf der f8 Konferenz von Facebook in Palo Alto vorgestellt wurden. Elementare Änderung an den Nutzerprofilen und an der Integration von Drittanbietern, die bessere und direktere Integration von Medien und ein Semantik-System waren das. Facebook erfindet sich neu und macht sich noch stärker zum ersten Anlaufpunkt für die Nutzer im Internet.

Timeline – das Leben aufgezeichnet

Offensichtliche Veränderungen gibt es bei den Nutzerprofilen. Die Statusupdates und Inhalte werden nicht mehr in einem Newsstream sondern in einer Timeline dargestellt. Hier können Meilensteine und besondere Ereignisse des eigenen Lebens hervorgehoben werden. Und es gibt vielfältigere Möglichkeiten für Statusupdates: Neues Haus? Neuer Job? Neue Ausbildung? Einen Arm gebrochen oder ein Bein? All das kann jetzt einfach mit den Facebook Freunden geteilt werden. Und in der Timelinewerden die Ereignisse hübsch aufbereitet.

Facebook will die Geschichte der Nutzer aufzeichnen und erzählen. Das wird klar, wenn man sich noch einmal vor Augen führt, was Mark Zuckerberg in seiner Keynote gesagt hat:

“Back in the early days of Facebook, your profile was pretty basic – just your name, a photo, where you went to school…stuff you’d cover in the first five minutes you met someone. Over time, your profile evolved to better reflect how you actually communicate with your friends. The way your profile works today, 99% of the stories you share vanish. The only way to find the posts that matter is to click “Older Posts” at the bottom of the page. Again. And again. With timeline, now you have a home for all the great stories you’ve already shared. They don’t just vanish as you add new stuff.”

Facebook macht sich damit zum Archiv des eigenen Lebens. Es ist ein großer Schritt für Social Networks allgemein. Deshalb wird es wichtiger sein, seine eigenen Updates zu prüfen. Nichts verschwindet mehr im Nirvana des Newsstreams. Alles ist auf einen Klick erreichbar. Die Reise in die Vergangenheit ist nur einen Klick entfernt. Für die Nutzer bedeutet das: Prüfen, was sich in der Timeline wiederfindet. Denn vielleicht möchte man manches gar nicht mehr sehen oder zumindest sollen es andere nicht mehr sehen.

Spannend dürfte sein, ob und wann die Facebook Seiten überarbeitet werden. Als die Profile das letzte Mal einen Relaunch erfahren haben, hat es ungefähr 3 Monate gedauert bis die Facebook Seiten für Unternehmen, Organisationen und Interessen auch den neuen Look verpasst bekommen haben. Eine Timeline für Unternehmen ist spannend zum Storytelling: Wo kommt meine Marke her, wie hat sie sich im Lauf der Zeit entwickelt und was macht meine Marke derzeit aus. Bislang ist noch nicht bekannt, ob und wann die Facebook Seiten ein Redesign bekommen. Interessant wäre es auf jeden Fall.

Facebook als Medienplattform

Medien spielen eine große Rolle bei den Veränderungen. Facebook verbessert die Integration von Medien-Dienstleistern, wie Musik- und Video-Plattformen. Wer auf Hulu eine Serie sieht, auf Spotify einen Song hört oder bei MyVideo ein Video ansieht kann dies jetzt direkt auf Facebook teilen. Die Facebook Freunde können dann direkt auf Facebook die selbe Serie sehen, den selben Song hören und das selbe Video ansehen.

Was die Kontakte auf Facebook bewegt und beschäftigt wird damit noch direkter greifbar und das Erlebnis lässt sich teilen. Die Stickiness der Plattform erhöht sich damit sicherlich. Facebook positioniert sich noch stärker als erste Anlaufstelle im Web. Die verbesserte Integration von Partnern wie Hulu, Microsoft, Nike, Siemens, GE, Spotify, Mercedes und anderen funktioniert über ein neues System, um mit Objekten in Verbindung zu treten. Liken war gestern – Semantik ist heute.

Der neue Open Graph

Nicht ganz so offensichtlich sind die Änderungen am Open Graph – der Plattform für die Integration mit anderen Diensten. Der Open Graph hat bislang nur likes und shares verstanden. In Zukunft soll das System lernen und Zusammenhänge erkennen. Einen Film kann man liken oder ansehen. Ein Kochrezept kann man liken oder kochen. Die Systematik ist “User – Action – Object“.

Facebook erweitert das System um Verben und Objekte. “Simon kocht Chili Con Carne” oder “Simon sieht Boston Legal auf Hulu.com” wird man in Zukunft öfter lesen können. Facebook wird damit zur Semantik-Maschine. Facebook kann Zusammenhänge erkennen. Kombiniert mit der Zeit, wann die Nutzer filme schauen oder Rezpte kochen, kann Facebook seinen Algorithmus anpassen und Empfehlungen besser aussteuern. Daran wird bereits gearbeitet und ein Algorithmus, der Öffnungszeiten von Geschäften vorhersagen kann, ist bereits entwickelt worden. Ein Algorithmus, der Empfehlungen zeitlich anhand des Nutzerverhaltens aussteuert.

Empfehlungen für eine Pizzeria machen eben mehr Sinn, wenn die Pizzeria in der Nähe und auch geöffnet ist. Für Werbung gilt dasselbe. Eine Werbung auf Facebook für eine Fernsehserie macht eventuell mehr Sinn, wenn diese grade läuft. Oder wenn die Nutzer offensichtlich die Zeit haben, diese Serie auf einer Plattform zu sehen.

Facebook erfindet sich neu – mal wieder

Die große Stärke von Facebook ist der Mut zu Veränderungen. Chancen werden erkannt, neue Produkte aufgebaut und getestet. Was nicht funktioniert, wird wieder eingestampft. So zuletzt geschehen bei dem vielversprechenden Dienst Facebook Deals. Der Coupon Dienst von Facebook wurde gelauncht, um Groupon und Co ein Stück vom Kuchen zu nehmen. Doch im Test erwies sich Facebook Deals als nicht rentabel, also hat man Facebook Deals wieder eingestellt. Auf den ersten Blick mag es als Rückschlag wirken. Doch in Wirklichkeit ist es die große Stärke von Facebook, sich selbst immer wieder neu zu erfinden. Mit den Veränderungen hat Facebook auch gezeigt, dass neue Konkurrenten wie Google+ es nicht einfach haben, den Platzhirschen zu vertreiben.

Die neue Facebook Timeline ist ein tolles Produkt. Die Kundenbindung wird erhöht und die Timeline ist optisch ansprechend. Die Integration von Medien erhöht den Mehrwert der Plattform immens. Und die neuen Möglichkeiten für Apps durch den Open Graph erlauben es Facebook, seine Nutzer zu verstehen und damit das Targeting für Werbekunden zu verbessern.